The Vote
Ryuya Kasai / Edogawa Edogawa
KISS MY MAG
WISCHEN, WÄHLEN, FERTIGMACHEN
Ein Manga über Mobbing, der selbst ziemlich gerne zuschaut. THE VOTE verbindet digitale Hetzjagd mit einem wirksamen Thriller-Konzept. Zwischen Gesellschaftskritik und Voyeurismus gewinnt allerdings häufig die Lust am nächsten schmutzigen Geheimnis. Ein Smartphone, eine Abstimmung und die Aussicht, dass morgen jemand anderes am Pranger steht. Willkommen im Klassenzimmer von THE VOTE. Ryuya Kasai, verantwortlich für die Geschichte, und Zeichner Edogawa Edogawa verwandeln den Schulalltag in eine öffentliche Hinrichtung auf Raten. Die Waffen: Gruppendruck, private Geheimnisse und ein Publikum, das sich vermutlich für vollkommen unschuldig hält.

An der Yanagizawa-Privatschule versucht die neue Schülerin Minato, ihren Platz im Klassengefüge zu finden. Dann erscheint eine mysteriöse App auf ihrem Smartphone. Die Klasse soll abstimmen, wer zum nächsten Opfer wird. Wer ausgewählt wird und die auferlegte Aufgabe nicht bewältigt, muss den „sozialen Tod“ fürchten. Was zunächst nach einem geschmacklosen Scherz klingt, entwickelt sich zu einem Spiel mit existenziellen Konsequenzen.
Die Ausgangsidee sitzt. Mobbing braucht schließlich keine finstere Geheimorganisation. Eine Gruppe, ein Machtgefälle und genügend Menschen, die mitmachen oder wegsehen, reichen völlig aus. Die App gibt dieser Dynamik eine passende Oberfläche: Verantwortung wird auf einen Klick reduziert, Grausamkeit erscheint als Spielregel. Niemand will schuld sein, aber abgestimmt haben plötzlich alle.
Hier besitzt THE VOTE tatsächlich gesellschaftskritisches Potenzial. Die Angst vor Bloßstellung wird zur Währung, und Zugehörigkeit hält nur so lange, bis die Gruppe ein neues Ziel findet. Das Unbehagen entsteht aus der Vorstellung, wie schnell ein Mensch auf das reduziert werden kann, was andere über ihn verbreiten. Nur hält die Geschichte diese Perspektive nicht konsequent durch. Sehr schnell drängt sich ein anderes Interesse nach vorn: Was lässt sich noch enthüllen? Welche Demütigung lässt sich noch zuspitzen? Wie weit kann die nächste Grenzüberschreitung gehen? Aus der Auseinandersetzung mit Mobbing wird zunehmend eine Dramaturgie der ausgestellten Erniedrigung. Die Figuren geraten dabei in Gefahr, vor allem als Behälter für das nächste skandalöse Geheimnis zu funktionieren.


Besonders problematisch wird diese Logik dort, wo intime Bloßstellung und sexualisierte Erniedrigung den Nervenkitzel liefern. Eine Veröffentlichung gegen den Willen der Betroffenen ist bereits Gewalt. Dafür muss das enthüllte Privatleben weder besonders anstößig noch moralisch verwerflich sein. THE VOTE setzt jedoch stark auf den Schockwert der Enthüllung – und nähert sich damit dem sensationshungrigen Blick, den die Geschichte eigentlich kritisch behandeln könnte.
Natürlich darf ein Thriller hässlich, unbequem und geschmacklos sein. Gerade KISS MY MAG wird kaum verlangen, dass jeder Abgrund mit einem pädagogischen Geländer ausgestattet wird. Aber wer Mobbing als ernstes Thema aufruft, muss sich auch daran messen lassen, welchen Raum die Betroffenen jenseits ihrer Demütigung bekommen. Die Eskalation allein ersetzt noch keine Auseinandersetzung mit ihren Folgen.
Und trotzdem: Man liest weiter. Verdammt gerne sogar. Die Reizthemen sitzen, das Abstimmungsprinzip erzeugt Spannung, und die Aussicht auf die nächste Enthüllung funktioniert als ausgesprochen zuverlässiger Köder. Man möchte den Drahtziehern auf die Spur kommen, die Regeln durchschauen und wissen, wen es als Nächstes trifft. Genau darin liegt das unangenehme Vergnügen dieser Reihe: Beim Weiterlesen ertappt man sich selbst beim neugierigen Blick auf den Pranger.

THE VOTE ist damit ein wirkungsvoller, aber fragwürdiger Thriller. Sein kritischer Ansatz wird immer wieder von der eigenen Lust am Spektakel überholt. Die Serie liefert reichlich Gesprächsstoff über Mobbing, digitale Macht und öffentliche Beschämung. Sie liefert allerdings auch gute Gründe, ihre Inszenierung kritisch zu hinterfragen. Als süffiger Abgründetrip funktioniert das. Als differenzierte Behandlung von Mobbing bleibt es deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück.
THE VOTE, im Original Ikenie Touhyou, ist mit sieben Bänden abgeschlossen. Auch auf Deutsch sind alle sieben Bände bei Hayabusa/Carlsen erschienen. Seit März 2026 gibt es zusätzlich ein Starter-Doppelpack mit Band 1 und 2; das enthält keine Fortsetzung.

