KISS
DESTROYS ANAHEIM `76
KISS MY MAG
Nix Neues. Zum Glück!
Es gibt Platten, bei denen schon das Cover die Luftgitarre aus dem Schrank holt. „KISS Destroys Anaheim ’76“ gehört eindeutig dazu. Die Aufmachung greift die ikonische „Destroyer“-Bildwelt auf und verspricht genau die richtige Mischung aus Comic-Fantasy, Rock-Größenwahn und geschminktem Halbstarken-Paradies. Dazu farbiges Doppelvinyl: eine Scheibe in Rot-Gelb, die andere in Rot-Schwarz-Blau gewirbelt. Da bekommt selbst der abgeklärte Plattensammler wieder diesen Blick, den er normalerweise für unbezahlbare Erstpressungen reserviert.



Aber hübsche Scheiben allein bringen die Hüften noch nicht zum Schwingen. Dafür braucht es vier Kerle, die aus einem Rockkonzert einen Ausnahmezustand machen. Am 20. August 1976 hatten Paul Stanley, Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss dafür die passende Spielwiese: das Anaheim Stadium in Kalifornien. Über 42.000 Fans kamen zur „Spirit Of ’76“- beziehungsweise „Destroyer“-Tour – laut Veröffentlichung die bis dahin größte Zuschauermenge der Band. KISS waren endgültig im Stadionformat angekommen.
Schon das Vorprogramm klingt heute wie ein besonders großzügig bestücktes Classic-Rock-Regal. Bob Seger & The Silver Bullet Band, Ted Nugent und Montrose standen ebenfalls auf dem Programm. Wer da abends noch Energie hatte, durfte sich vom geschminkten Hauptquartett die letzten Reserven aus dem Körper rocken lassen. Ein ziemlich guter Tag, um am nächsten Morgen heiser zu sein.
Wer längst im Fanclub der eigenen Erinnerungen sitzt, bekommt hier einen ausgesprochen reizvollen weiteren Abend spendiert.
Die Setlist jedenfalls macht keine Gefangenen. „Detroit Rock City“ und „King Of The Night Time World“ eröffnen den Abend, danach treffen frühe Dauerbrenner wie „Strutter“, „Hotter Than Hell“ und „Cold Gin“ auf „Destroyer“-Material wie „Shout It Out Loud“, „Do You Love Me“ und „God Of Thunder“. Gitarren-, Bass- und Schlagzeugsoli gehören selbstverständlich zum Paket. Und nach „Rock And Roll All Nite“ ist noch lange nicht Feierabend: „Deuce“, „Firehouse“ und „Black Diamond“ bilden den Schlussblock. Das ist eine Dramaturgie für Menschen, die beim Wort „Zugabe“ bereits die nächste Bierflasche öffnen.
Für Rock-Nerds steckt die eigentliche Pointe allerdings in der Veröffentlichungsgeschichte. Das Anaheim-Konzert kursierte längst auf Bootlegs. Der Mythos musste also über Jahrzehnte auch mit inoffiziellen Mitschnitten gefüttert werden. Jetzt bekommt der Kultabend zum 50. Jubiläum seine erste offizielle Veröffentlichung. Eddie Kramer, der das Konzert damals aufgenommen hatte, hat es dafür aus den ursprünglichen Mehrspurbändern neu gemischt. Bekannte Songs, gewiss…aber eben auch ein historisches Konzert, dessen Veröffentlichung mehr bietet als eine weitere Zusammenstellung der üblichen Verdächtigen. Zur farbigen Doppel-LP gehört außerdem ein Einleger mit Auszügen aus den Begleittexten der Deluxe-Ausgabe, bislang unveröffentlichten Fotos und Memorabilia-Abbildungen. Schönes Futter für den Moment, in dem die Nadel läuft und die Augen trotzdem noch beschäftigt werden wollen. Genau dafür lieben wir Vinyl. Große Bilder, etwas zum Anfassen und die feierliche Verpflichtung, spätestens beim Seitenwechsel die Couch zu verlassen.


Natürlich erfindet „Destroys Anaheim ’76“ den Rock ’n’ Roll nicht neu. Wer einen Zugang zu KISS sucht, findet mit „Alive!“ weiterhin einen naheliegenden Einstieg. Wer längst im Fanclub der eigenen Erinnerungen sitzt, bekommt hier einen ausgesprochen reizvollen weiteren Abend spendiert. Die Solopassagen muss man mögen, und ein Pflichtkauf für jeden Gelegenheitshörer ist das Ganze sicher nicht. Für Freunde der klassischen Besetzung passen Kultfaktor, Songauswahl und Sammlerreiz jedoch bestens zusammen. Also: Platte auflegen, Luftgitarre umschnallen und die Hüften noch einmal in Bewegung bringen. Nix Neues? Bei den Songs größtenteils richtig. Aber wer will das in diesem Fall schon? Manchmal reicht ein verdammt guter Grund, die alten Helden wieder laut zu drehen.

