KITKATCLUB
KINKS OF BERLIN
Ab dem 10. September 2026 im Kino
Ein Film von Philipp Fussenegger über Freiheit und Verwandlung.
Im Verleih von Farbfilm.

Freiheit ist auch nur eine Nacht
Eine Review von Carsten Gritzan
„KITKATCLUB – KINKS OF BERLIN“ öffnet die Türen zu einem Ort, den eigentlich jeder zu kennen glaubt – und zeigt, dass selbst im berühmtesten Kink-Kosmos der Hauptstadt irgendwann der verdammte Alltag wartet. Berlin hat viele Clubs. Aber nur wenige sind längst zu einer eigenen Erzählung geworden. Das KitKat ist mehr als eine Adresse im Nachtleben, mehr als Tanzfläche, Fetischtempel oder international vermarkteter Mythos. Es ist Projektionsfläche. Für sexuelle Freiheit, radikale Selbstinszenierung, Hedonismus, Entgrenzung und für jene Berliner Nacht, in der angeblich alles möglich ist. Ein Ort, den wahrscheinlich auch Menschen zu kennen glauben, die niemals an seiner Tür standen. Regisseur Philipp Fussenegger wagt sich mit „KITKATCLUB – KINKS OF BERLIN“ nun hinter diese Tür. Seine Dokumentation, die über einen Zeitraum von vier Jahren entstand, ist vollständig in Schwarz-Weiß gedreht und verzichtet auf einen erklärenden Off-Kommentar. Statt das Publikum mit historischen Daten, Szenebegriffen oder moralischen Einordnungen zu versorgen, beobachtet der Film. Er nähert sich Menschen, ihren Verwandlungen, ihren Sehnsüchten und den Rollen, die sie im Club ausleben – oder vielleicht endlich ablegen können. Im Mittelpunkt stehen dabei auch die Gründer Kirsten Krüger und Simon Thaur sowie Menschen aus dem unmittelbaren Kosmos des Clubs.
Und ja: Diese Welt scheint nur in Berlin möglich.
Natürlich gibt es Fetischpartys in London, Paris, Amsterdam oder New York. Aber das KitKat ist auf eine besondere Weise mit der Hauptstadt verwachsen. Mit ihrer Geschichte, ihren Brüchen und ihrer über Jahrzehnte gepflegten Behauptung, dass hier jede und jeder für einige Stunden etwas anderes sein darf. Berlin ist in diesem Film deshalb weit mehr als eine Kulisse. Die Stadt bildet den notwendigen Nährboden für diesen Club: ein bisschen dreckig, ein bisschen großspurig, erschöpft, erotisch aufgeladen und immer bereit, die eigene Legende noch einmal zu erzählen.
Ein Kosmos hinter dem Kosmos
„KITKATCLUB – KINKS OF BERLIN“ zeigt eine Welt hinter den Kulissen eines Kultphänomens – und macht dabei deutlich, dass auch hinter diesen Kulissen ein eigener Kosmos existiert. Wer auf eine klassische Chronik des Berliner Nachtlebens hofft, bekommt etwas anderes. Fussenegger interessiert sich weniger für eine vollständige Clubgeschichte als für die Menschen, die diesen Ort erschaffen, erhalten und mit ihren Körpern, Bedürfnissen und Fantasien füllen. Vor Spiegeln entstehen neue Identitäten. Körper werden gestaltet, verhüllt, freigelegt und präsentiert. Es geht um Drag, BDSM, Dog Play, Sex, Einsamkeit und Ekstase. Um Zustimmung und Grenzen. Um das Gesehenwerden – und um die Möglichkeit, für eine Nacht jemand zu sein, der man im Tageslicht vielleicht nicht sein kann. Der Club wird zum Schutzraum, zur Bühne und gelegentlich auch zum Versteck. Die Schwarz-Weiß-Bilder nehmen dem Geschehen dabei nichts von seiner Körperlichkeit. Im Gegenteil: Sie verhindern, dass die Dokumentation wie ein bunter, sensationshungriger Streifzug durch eine angeblich verruchte Parallelwelt wirkt. Das Bildkonzept verleiht dem Film etwas Zeitloses, bisweilen beinahe Melancholisches. Haut, Lack, Schatten, Schweiß und Licht werden nicht bloß ausgestellt. Sie erzählen von Nähe und Distanz, von Kontrolle und Verletzlichkeit. Wer ausschließlich gekommen ist, um einmal durch das berühmte Schlüsselloch zu schauen, wird durchaus bedient. Die Dokumentation ist nicht prüde und muss ihre Neugier nicht verschämt tarnen. Sie gewährt den gewünschten Einblick in einen Kink-Traum. Doch sie bleibt nicht bei seiner erotischen Oberfläche stehen.


Ja, die Klischees stimmen
Bedient der Film Klischees? Unbedingt. Vorstellungen werden bestätigt. Das KitKat ist tatsächlich eine Blase für besondere Menschen mit besonderen Neigungen. Hier begegnen sich Körperbilder, sexuelle Identitäten und Lebensentwürfe, die außerhalb dieses Raumes noch immer angestarrt, bewertet oder abgelehnt werden. Wer erwartet, dass die Dokumentation diese Welt plötzlich als vollkommen alltäglich verkauft, wird enttäuscht. Sie ist es nicht. Aber genau darin liegt die Ehrlichkeit des Films. Er versucht nicht, das KitKat nachträglich für den Mainstream aufzubereiten. Der Club wird sicher kein Mainstream. Und er will es auch nicht sein. Seine Faszination beruht gerade auf der Abgrenzung, auf eigenen Codes und auf dem Versprechen, dass hinter dieser Tür andere Regeln gelten. Ein vollständig massentaugliches KitKat wäre vermutlich nur noch ein Themenpark mit streng kalkulierter Provokation. Fusseneggers Film erkennt diese Exklusivität an, ohne sie unkritisch zu verklären. Er zeigt Gemeinschaft, aber keine perfekte Gegenwelt. Befreiung, aber kein dauerhaftes Paradies. Denn auch die radikalste Selbstinszenierung schützt nicht vor Selbstzweifeln. Auch sexuelle Offenheit beantwortet nicht automatisch die Frage, wie Nähe funktioniert. Und selbst die größte Party besitzt keinen geheimen Ausgang, durch den man dem eigenen Leben endgültig entkommen könnte.
Wenn die Nacht nicht alles heilt
Der stärkste Gedanke dieser Dokumentation liegt deshalb nicht in der sichtbaren Freizügigkeit, sondern in ihrem Widerspruch: Hier wird Freiheit tatsächlich gelebt – doch sie macht nicht zwingend glücklich. Vielleicht für eine Nacht. Vielleicht für einige Stunden, in denen der Körper nicht erklärt, entschuldigt oder versteckt werden muss. Doch irgendwann wartet noch immer dieser verdammte Alltag. Beziehungen bleiben kompliziert. Das Alter lässt sich nicht wegtanzen. Einsamkeit verschwindet nicht automatisch zwischen anderen Körpern. Auch in einer Gemeinschaft der Außenseiter kann man sich ausgeschlossen fühlen. In diesen Momenten gewinnt „KITKATCLUB – KINKS OF BERLIN“ eine Tiefe, die über das Porträt eines berühmten Clubs hinausgeht. Der Film erzählt davon, wie Menschen sich Räume bauen, um freier sein zu können – und wie zerbrechlich diese Freiheit bleibt. Das KitKat erscheint nicht als Lösung, sondern als Möglichkeit. Als temporäres Versprechen. Vielleicht sogar als notwendige Illusion. Gerade dadurch bleibt die Dokumentation respektvoll. Sie betrachtet ihre Protagonistinnen und Protagonisten weder als exotische Attraktionen noch als automatisch glückliche Avantgarde einer befreiten Gesellschaft. Sie dürfen widersprüchlich sein: selbstbewusst und unsicher, lustvoll und einsam, radikal und erschöpft. Menschen eben. Nur mit besseren Outfits.

„KITKATCLUB – KINKS OF BERLIN“ liefert genau den Einblick, den sein Titel verspricht. Der Film öffnet die Tür zu einem legendären Kink-Kosmos, bestätigt manche Fantasie und lässt das Publikum erstaunlich nah heran. Doch er zeigt ebenso die Realität hinter dem Traum: Arbeit, Verletzlichkeit, Abhängigkeiten, Zweifel und die Erkenntnis, dass gelebte Freiheit kein Dauerzustand ist. Philipp Fusseneggers Dokumentation ist sinnlich, direkt und visuell konsequent. Vor allem aber ist sie klug genug, ihren Gegenstand nicht totzuerklären. Das Geheimnis des KitKat bleibt bestehen. Vielleicht muss man diesen Ort ohnehin nicht vollständig verstehen. Vielleicht genügt es, zu begreifen, warum Menschen ihn brauchen. Ein positiver, intimer und stellenweise melancholischer Film über einen Club, der nur in Berlin entstehen konnte – und über Menschen, die dort für einige Stunden ausprobieren, wie es sich anfühlt, wirklich frei zu sein.
„KITKATCLUB – KINKS OF BERLIN“ startet am 10. September 2026 in den deutschen Kinos.
Regie führte Philipp Fussenegger, das Drehbuch entstand gemeinsam mit Susanne Heuer.
Der rund 100-minütige Dokumentarfilm ist ab 18 Jahren freigegeben.

