INSIDIOUS – OUT OF THE FURTHER

INSIDIOUS – OUT OF THE FURTHER

Von entsorgten Altlasten und
traumatischen Besuchen beim Zahnarzt

Ein Film von Jacob Chase
Mit: Amelia Eve, Brandon Perea und Lin Shaye u.v.a.

Eine Review von Michael Starzer / Terrorvision 84
für das KISS MY MAG Magazin

Als der erste Teil von INSIDIOUS im Jahr 2010 die Kinoleinwände heimsuchte, ahnte wohl kaum jemand, dass dieser fiese Spuk zusammen mit PARANORMAL ACTIVITY das goldene Fundament für die unaufhaltsame Hit-Maschinerie von Blumhouse gießen würde. Regisseur James Wan war nach seinem explosiven Erfolg mit SAW ohnehin über Nacht zu einer ganz großen Nummer im Geschäft geworden, probierte sich aber zum Glück immer wieder an neuen Stoffen aus. Man denke beispielsweise an DEAD SILENCE, den atmosphärischen THE CONJURING oder eben das geniale Geisterbahn-Brett INSIDIOUS.

Nun haben wir es mit INSIDIOUS: OUT OF THE FURTHER bereits mit dem mittlerweile sechsten Teil der langlebigen Reihe zu tun. Zuletzt war jedoch die Luft bei INSIDIOUS: THE RED DOOR spürbar raus. Die Reihe schwächelte gewaltig, und die ewig ausgereizte Familiengeschichte der Lamberts war schlichtweg auserzählt. Zeit für einen radikalen Schnitt! Für den neuesten Leinwand-Aufguss hat man sich also angeblich sämtlicher Altlasten entledigt und widmet sich komplett neuen Figuren in vertrautem Umfeld. Moment mal… allen Altlasten entledigt? Nicht ganz! Denn Elise, das beliebte Medium aus den bisherigen Teilen, darf natürlich nicht fehlen und steht den gepeinigten Seelen gewohnt tatkräftig zur Seite.

Im Mittelpunkt dieses Spuks steht diesmal Gemma. Eine junge Mutter, die mit ihrer Tochter Maya in genau jenem Haus aufwächst, in dem sie schon als Kind verdammt unheimliche Dinge erlebt hat. Was Gemma lange nicht wusste: Sie besitzt eine ziemlich verhängnisvolle Gabe. Sie kann aktiv in das berüchtigte Ewigreich hinüberwandern und mit den Toten interagieren. Das bleibt im Reich der Schatten natürlich nicht lange unbemerkt. Eine finstere Entität wittert seine große Chance und hat den Plan gefasst, mithilfe von Gemma´s einzigartigen Fähigkeiten die Grenze zwischen den Welten komplett einzureißen.

Schon nach den ersten Minuten merkt man, dass die Figuren überraschend sympathisch und greifbar geschrieben sind. Die Chemie und die zwischenmenschliche Dynamik stimmen, nur manche Entwicklungen der Figuren kommen zu sprunghaft. Beispielsweise, dass Tochter Maya dem neuen Freund ihrer Mutter in Windeseile vollstes Vertrauen entgegenbringt, wirkt dann doch etwas übertrieben und nicht zu Ende gedacht. Aber spätestens nach der Hälfte der Laufzeit müssen ohnehin alle Weichen auf Terror gestellt werden, denn ab diesem Punkt geht es verdammt wild zur Sache. INSIDIOUS 6 präsentiert sich als eine ungebremste Geisterbahnfahrt, die vor allem gegen Ende hin massiv über das Ziel hinausschießt. Auf die goldene Horror-Regel „weniger ist manchmal mehr“ pfeift Regisseur Jacob Chase im finalen Akt komplett. Stattdessen knallt er uns eine derart überladene Fülle an unterschiedlichen Kreaturen vor den Bug, dass jeglicher Grusel im visuellen Overkill schlicht untergeht. Hier steht auch der Fanservice für Kenner der Reihe im Fokus und wir bekommen viele bekannte Fratzen präsentiert.

Das ist verdammt schade, denn davor macht der Film verdammt viel richtig. Der Aufbau von INSIDIOUS 6 ist überraschend geerdet und kommt fast vollständig ohne Jump Scares vom Fließband aus. Hier kreischt keine aufdringliche Musik vom Band, die den Zuschauer künstlich aus dem Sessel reißen soll. Stattdessen werden die Szenen in aller Ruhe aufgebaut, stehen gelassen und bekommen den nötigen Raum, um kriechende Wirkung zu entfalten. Eine wirklich erfrischend angenehme Herangehensweise im modernen Mainstream-Horror.

Bilder: Sony Pictures

Die Atmosphäre ist vor allem in der ersten Hälfte dicht und die Spannung schraubt sich spürbar nach oben. Erst im letzten Drittel verlagert sich der Fokus allzu stark auf pure Schauwerte und unübersichtliche Action. Immerhin: Ein paar nette neue Ideen bringt Teil 6 durchaus mit und auch ein paar kleinere Twists sowie überraschende Enthüllungen sind im Verlauf der Story sinnvoll platziert.

Unter dem Strich ist INSIDIOUS: OUT OF THE FURTHER eine gelungene Art von softem Neustart, der mit neuen Figuren, frisch justierten Regeln und erweiterten Möglichkeiten hantiert, sich im Kern aber trotzdem vertraut anfühlt. Wer bisher ein Faible für den Spuk aus dem Ewigreich hatte, kann hier definitiv einen Blick riskieren.


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