John Carpenter – Cathedral

Cathedral
John Carpenter / Cody Carpenter / Daniel Davies

KISS MY MAG

Ein Gotteshaus zum Fürchten

John Carpenter braucht keine Kamera, um das Kopfkino anzuwerfen. Ein paar unheilvolle Synthesizer, ein finsteres Motiv – und schon möchte man nachschauen, ob die Hintertür wirklich abgeschlossen ist. Mit Cathedral zieht der Horror-Meister gemeinsam mit Cody Carpenter und Daniel Davies allerdings die Verstärker kräftiger auf. Die vertraute elektronische Dunkelheit bekommt ordentlich Gitarrenmuskeln. Willkommen zur Messe. Der Ausgang befindet sich vermutlich hinter dem Monster.

Der besondere Reiz liegt in der filmischen Anlage. Man stellt sich verlassene Räume vor, einen Blick über die Schulter, einen Kameraschwenk in einen Gang, dessen Ende besser unsichtbar geblieben wäre. Cathedral liefert dafür die passende Mischung aus düsterer Atmosphäre und handfestem Vorwärtsdrang. Das Album wirkt wie die Einladung zu einem Horrorfilm, bei dem die eigene Fantasie die Ausstattung übernimmt.

Dabei dürfen Daniel Davies’ Gitarren ausgesprochen deutlich mitreden. „Primeval“ eröffnet den Abstieg mit markanter Präsenz, „Elevator“ bringt einen kräftigen Rock-Groove mit, und „Lord of the Underground“ rückt das Unternehmen mit seinem Thrash-Einschlag Richtung Metal. Dazwischen behaupten die Synthesizer von John und Cody Carpenter ihre unheimliche Autorität. Besonders bei „Desolation in the Underworld“.

Für Carpenter-Fans steckt darin reichlich vertraute DNA. Die Lust an klaren Motiven, das Unheil hinter der nächsten Tür, diese eigentümliche Verbindung von Kälte und Abenteuer. All das passt bestens in seinen Kosmos. Cathedral darf bedrohlich sein und trotzdem Spaß machen. Schließlich gehört zum gepflegten Horrorvergnügen auch die Vorfreude darauf, dass gleich etwas ausgesprochen Unvernünftiges passiert.

Und dann wäre da noch der Comic-Sidekick. Die gleichnamige Graphic Novel bei Storm King Comics stammt aus der Zusammenarbeit von John Carpenter, Sandy King und Sean Sobczak, mit Zeichnungen von Federico De Luca und Luis Guaragna. Im Mittelpunkt steht eine verlassene Kathedrale in Los Angeles, in deren Mauern ein uraltes Böses lauert. Die Albumstücke sind bestimmten Abschnitten der Geschichte zugeordnet; Hinweise in den Liner Notes helfen dabei, Lesen und Hören miteinander zu verbinden. Ein schöner Doppelschlag für alle, die ihre Dämonen gern gedruckt und vertont serviert bekommen. Die Musik ist zugleich ausdrücklich als eigenständig funktionierendes Album angelegt.

Zum fünften KISS fehlt für uns noch der eine große Überraschungsmoment, der diese überzeugende Reise vollständig aus den vertrauten Carpenter-Bahnen hebt. Aber die Richtung stimmt. Cathedral verbindet Horror-Atmosphäre, Gitarrenwucht und erzählerische Fantasie zu einem ausgesprochen reizvollen Paket.


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