ICE CREAM MAN
Der „Rattenfänger von Hameln“ im Gore-Gewand
Ein Film von Eli Roth
Mit: Ari Millen, Eli Roth, Benjamin Byron Davis, Karen Cliche, Dylan Hawco, Sarah Abbott, Shiloh O’Reilly u.v.a.
Eine Review von Michael Starzer / Terrorvision 84
für das KISS MY MAG Magazin
Eli Roth war schon immer der ewig Gestrige des modernen Horrorkinos. Der Mann liebt das Bahnhofs- und Exploitationkino der 70er und 80er Jahre abgöttisch und wühlt immer wieder mit sichtbarer Freude in der Schmuddelecke der Filmgeschichte. Ob mit den schmerzhaften Folterorgien in HOSTEL 1+2, seinem Ausflug in den Kannibalenfilm THE GREEN INFERNO oder seiner jüngsten Feiertags-Schlachterei THANKSGIVING: Roth bedient am liebsten die niederen Gelüste des Publikums. Auch mit seiner neuen Produktionsfirma „The Horror Section“ bleibt er dieser Linie treu und bringt mit ICE CREAM MAN einen Streifen auf die Leinwand, der sich wirklich zu keiner einzigen Sekunde ernst nimmt.

Im Zentrum des Wahnsinns steht eine amerikanische Kleinstadt, in der ein mysteriöser Eismann plötzlich seine Runden dreht. Statt süßer Erfrischung bringt er den Tod auf Rädern und verteilt pervers modifizierte Leckereien, die bei den Konsumenten eine unstillbare, mordlüsterne Welle der Aggression auslösen. Binnen kürzester Zeit verwandeln sich die sonst so braven Kids der Nachbarschaft in unberechenbare, blutrünstige Bestien, die gnadenlos Jagd auf ihre eigenen Eltern machen. Ein hemmungsloses Chaos bricht aus, bei dem niemand sicher ist und die Idylle im Vorgarten endgültig zum Schlachthaus mutiert. Wer hier tiefgründige Figurenzeichnungen, eine dicht gewobene, düstere Atmosphäre oder echten Nervenkitzel erwartet, wird gnadenlos enttäuscht. Auf all das gibt Roth hier gelinde gesagt einen feuchten Dreck. Kann ein Horrorfilm auf dieser Basis überhaupt funktionieren? Die ehrliche Antwort lautet: Jein!
Dass der Film trotz aller Verweigerung von klassischer Filmkunst nicht komplett absäuft, liegt vor allem am höllischen Tempo. Roth packt in die knackigen 86 Minuten Laufzeit so viel rein, dass gar keine Zeit für Langeweile bleibt. Das absolute Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf ausufernder Gewalt und exzessiven Goreszenen. Wenn hier Kinder ihre eigenen Eltern ins Jenseits befördern, klingt das auf dem Papier nach extrem hartem Tobak. Ist in der praktischen Umsetzung aber so drüber inszeniert, dass es beim Publikum eine Distanz zum Gezeigten erzeugt. Die saftigen Effekte brauchen sich in Sachen Härte und Blutgehalt zwar keineswegs vor Schwergewichten wie TERRIFIER 3 zu verstecken, aber der durchgehend lockere Tonfall und die komplette visuelle Überzeichnung mildern das Ganze extrem ab.
Der Humor ist dabei gewohnt derb und schreckt vor Gesellschaftskritik oder bösen Witzen über bulimische Zwölfjährige nicht zurück. Roth pfeift hier auf Political Correctness, was im direkten Vergleich zu seinem Frühwerk CABIN FEVER aber erstaunlich flüssig wirkt und nie peinlich aufgesetzt rüberkommt. ICE CREAM MAN wirkt wie ein verschollenes Relikt aus der Blütezeit der schmierigen Bahnhofskinos. Durch die episodenhafte Erzählweise und das rasante Pacing versteht man das Geschehen selbst dann mühelos, wenn man die ersten 30 Minuten verpasst hat und eigentlich nur noch 45 Minuten überbrücken muss, bevor der nächste Zug fährt.
Ist ICE CREAM MAN nun ein guter Film? Das liegt wie immer im Auge des Betrachters. Aber so miserabel, wie der Streifen im Netz überwiegend gemacht wird, ist er definitiv nicht. Wer ein Herz für rotzigen 80s-Horror hat, der mit dem dicken Holzhammer inszeniert ist, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren. Hier gilt ganz klar das Motto: Stumpf ist Trumpf!
ICE CREAM MAN ist reiner Partysplatter mit Troma-Charme ohne jeglichen künstlerischen Anspruch oder Feingefühl.


