SUPERGIRL
Mehr Herz. Mehr Haltung. Mehr Kino.
Superheldenfilme haben in den vergangenen Jahren ein Problem entwickelt. Sie wurden größer, lauter und teurer – aber oft auch austauschbarer. Supergirl erinnert daran, warum dieses Genre einmal so faszinierend war. Nicht, weil ständig etwas explodiert. Sondern weil es Figuren gibt, denen man wirklich folgen möchte.
James Gunns Handschrift ist vom ersten Moment an unverkennbar. Sein Gespür für Humor, schräge Nebenfiguren, emotionale Zwischentöne und perfekt platzierte Popkultur-Zitate prägt den gesamten Film. Doch Supergirl ist keineswegs eine bloße Kopie seines Superman-Erfolgs. Der Film besitzt einen eigenen Charakter und vor allem eine Heldin, die sofort funktioniert. Milly Alcock trägt den Film mit einer beeindruckenden Leichtigkeit. Ihre Kara Zor-El ist mutig, verletzlich, impulsiv und gleichzeitig voller Energie. Sie darf Fehler machen, zweifeln und lachen. Gerade diese Ecken und Kanten machen sie zu einer der sympathischsten Comicfiguren, die das neue DC-Universum bislang hervorgebracht hat. Man fiebert mit ihr, weil sie eben keine makellose Ikone ist, sondern eine junge Frau, die ihren eigenen Platz finden muss.

Auch die Action überzeugt. Sie ist dynamisch, kreativ und vor allem angenehm übersichtlich inszeniert. Jeder Kampf erzählt etwas über die Figuren und verliert sich nie in beliebigem Effektgewitter. Das Tempo stimmt, der Film kennt keine wirklichen Längen und entwickelt genau jene kurzweilige Energie, die modernes Popcorn-Kino auszeichnet. Zwei Stunden vergehen beinahe unbemerkt. Dabei spielt der Humor eine entscheidende Rolle. James Gunn versteht es erneut, ernste Momente mit Leichtigkeit zu verbinden, ohne sie lächerlich wirken zu lassen. Die Gags entstehen aus den Figuren selbst und wirken nie wie aufgesetzte Pflichtübungen. Gerade diese Mischung aus Witz, Abenteuer und Gefühl verleiht Supergirl seine ganz eigene Wärme.
Der vielleicht größte Pluspunkt des Films liegt jedoch an einer ganz anderen Stelle. Supergirl ist ein außergewöhnlich gelungener Frauen-Power-Film. Nicht, weil ständig darüber gesprochen wird. Sondern weil er es einfach zeigt. Kara ist keine Heldin, weil sie beweisen muss, dass Frauen genauso stark sind wie Männer. Sie ist eine Heldin, weil sie Verantwortung übernimmt, weil sie Mitgefühl besitzt und weil sie niemals aufgibt. Diese Selbstverständlichkeit macht den Film angenehm unaufgeregt und gleichzeitig überraschend kraftvoll. Gerade junge Zuschauerinnen bekommen hier endlich eine Identifikationsfigur, die nicht bloß eine Variation bekannter Männerrollen darstellt. Sie kann zu einer ganz persönlichen Heldin werden – und genau darin liegt eine Qualität, die man im Blockbuster-Kino viel zu selten erlebt. Es ist diese Form von Magie, die Kino seit Jahrzehnten auszeichnet: Figuren zu erschaffen, die Menschen begleiten und inspirieren. Supergirl gelingt genau das. Einen erheblichen Anteil an dieser Atmosphäre besitzt auch der Soundtrack. James Gunn beweist einmal mehr sein außergewöhnliches Gespür für Musik. Die Songs unterstreichen nicht einfach nur Szenen – sie verleihen ihnen Rhythmus, Charakter und Emotion. Musik und Bilder verschmelzen zu einer Einheit, die den Film noch lange nach dem Kinobesuch nachhallen lässt. Selten fühlt sich ein Soundtrack so organisch mit der Geschichte verbunden an.

Natürlich darf auch Jason Momoa als Lobo nicht fehlen. Seine Interpretation des intergalaktischen Kopfgeldjägers macht enormen Spaß. Ja, viele Fans werden sich irgendwann sicherlich eine kompromisslos düstere, brutalere und deutlich erwachsenere Solo-Version dieser Figur wünschen. Das Potenzial dafür bringt Momoa zweifellos mit. Doch innerhalb von Supergirl funktioniert genau diese etwas familienfreundlichere Variante erstaunlich gut. Lobo bleibt ein selbstverliebter Drecksack mit rauer Kante, wird aber nie so extrem, dass er den Ton des Films sprengen würde. Genau deshalb passt seine Version hervorragend in James Gunns Universum. Mit Supergirl wächst gleichzeitig auch das Vertrauen in die Zukunft des neuen DC-Universums. Nach Superman ist dies der zweite große Kinofilm innerhalb der neuen Kontinuität von James Gunn und Peter Safran. Die beiden verfolgen von Beginn an das Ziel, ein zusammenhängendes Universum aufzubauen, das sich weniger über reine Spektakel als über starke Figuren definiert. Auf Supergirl sollen unter anderem Clayface, ein neuer Wonder Woman-Film sowie weitere Projekte rund um Batman und die Green Lanterns folgen. Parallel wird die Geschichte in Serien wie Peacemaker weitererzählt. Ob dieser große Plan langfristig aufgeht, wird sich zeigen – doch nach den ersten beiden Filmen besitzt das neue DCU bereits eine deutlich erkennbare Identität und einen eigenen Ton.
Supergirl macht vor allem eines: Spaß.
Der Film ist charmant, temporeich, emotional und besitzt genau die richtige Portion Humor. James Gunn beweist erneut, dass Superheldenkino nicht ständig düster oder überladen sein muss, um zu funktionieren. Vor allem aber schenkt der Film seinem Publikum eine Heldin, die inspirieren kann – ohne Pathos, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne aufgesetzte Botschaften. Vielleicht ist genau das die größte Stärke von Supergirl. Er erinnert daran, wie schön Pop-Kino sein kann, wenn es Herz besitzt.
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